Lesenswert: Die DDR ist von den Toten wieder auferstanden

Wolfgang Prabel ist Ingenieur, in der DDR aufgewachsen und hat bis zur Wende dort gelebt. Er ist heute Bürgermeister von Mechelroda, und hat einen wunderschönen Beitrag auf der Netzpräsenz des Deutschen Arbeitgeberverbandes veröffentlicht. Auszüge:

Pflichtmitgliedschaften in der Freien Deutschen Jugend, im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und in der Kammer der Technik zeigten mir die Grenzen meiner Selbstbestimmung und Selbstachtung. Wenn ich die nächste Gehaltserhöhung haben wollte, war ich gut beraten am Ersten Mai demonstrieren zu gehen, das heißt mit einer roten Fahne durch die Stadt und an einer Holztribüne mit Funktionären vorbei zu laufen.

Mit der Wende kam ein Hochgefühl.

 Ich nutzte die neuen Freiheiten und gründete von 1990 bis 1998 mehrere Betriebe, die alle heute noch bestehen. Welcher Optimismus herrschte damals! Und wie vergleichsweise lächerlich niedrig waren die Hürden die Bürokratie! … Bei der Arbeit konnte man sich weitgehend um die Kunden, die Auftragsbeschaffung und die Organisation der Arbeit kümmern. Wenn sich die Pioniergeneration der 90er heute über diese leicht anarchische Aufbruchszeit unterhält, bekommen alle glänzende Augen. Doch das Glück der Freiheit währte nicht lange.

Das dann aber wieder konsequent vernichtet wurde.

25 Jahre sind vergangen und man könnte denken, die Russen sind wieder da. Das Werk der Zerstörung von Freiheit und Selbstverantwortung haben nun Beamte der Brüsseler Zentrale und der deutschen Bürokratie an sich gerissen. Statt einer Kammer wie vor 1989 mußte ich in den 90er Jahren Schritt für Schritt in drei Kammern eintreten, wovon die Industrie- und Handelskammer IHK und die Architektenkammer reine Zwangskammern waren.

Die Qualitätskontrolle der DDR ist von den Toten auferstanden. Produkte werden seit 1997 nach DIN ISO 9001 zertifiziert. Wochenlang wurde an den Unterlagen gewerkelt, ein Heidengeld investiert – in Nichts. Als die Zertifizierung stand, hat sich niemand mehr dafür interessiert. Besser sind die Waren und Leistungen dadurch nicht geworden…

Die Berechnung der Sozialabgaben und ihre elektronische Übermittlung ist zu einer bürokratischen Wissenschaft geworden, die ganze Völkerscharen beschäftigt. Die Updates frusteten die Lohnbuchhaltung und mich selbst jedes Mal. Neuerungen sind die Künstlersozialkasse und die Knappschaft. Und nun hat auch noch der Zoll eine Beschäftigung mit der Kontrolle des Mindestlohns gefunden.

Toll auch.

Wie in der DDR ist der Bau eines Hauses wieder in ein festes Korsett eingeschnürt. In den 80er Jahren waren es die „Normative“ des Typs „EW 65 B“, heute werden die Bauherren mit Heizungs-, Lüftungs-, Dichtigkeits- und Dämmungsgeboten traktiert. Eigentlich sind die Häuser der neuesten Generation unbewohnbar, jedenfalls wenn man strenge Maßstäbe der Bauhygiene anlegt. Ein Glück, daß ich bereits vor zehn Jahren gebaut habe!

Es regiert wieder wie vor 1990 eine Einheitspartei. Die Unterschiede zwischen Linken, Grünen, SPD und CDU sind so zusammengeschnurrt, wie die der Parteien der Nationalen Front der DDR.

Weiter geht’s hier: https://deutscherarbeitgeberverband.de/selbstverantwortung/2016/2016_08_08_dav_aktuelles_selbstbestimmung-prabel.html

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